Die Arbeit, der Lohn… das Geld

Dezember 6th, 2015 – by Indra Spuler, Alberto Veronese

 

Arbeit muss sein. Unsere Grosseltern kannten kaum etwas anderes, und so auch unsere Eltern. Es beginnt schon früh. Fleissig schönschreiben, Diktate, Einmaleins, auswendig lernen, Strecksprung nach oben, Hechtrolle nach vorne, Hausaufgaben. Damit die “Freizeit” nicht vergeudet wird, ist es wichtig, dass man sich in ihr beschäftigt. Freizeit kommt vor Freiheit, denn Zeit ist Geld, und nur durch Arbeit hat man seine Freizeit auch würdig verdient. Das wird in unseren Köpfen von Kindsbeinen an verankert, obwohl wir heute längst andere Möglichkeiten hätten.

Es beginnt schon früh… ins Kreisli oder später hinter der Schulbank sitzen, im Schäm-di-Eggli stehen, sich hinter der Linie aufstellen: Wir bekommen einen Platz, der über Noten und Einstufungen schliesslich zum Arbeitsplatz führt. Um diesen wird derzeit immer mehr gekämpft. Wettbewerbsfähigkeit, Belastbarkeit, Effizienz, Wirtschaftlichkeit, Produktivität, Leistungsstärke. Und wer dazu noch Begriffe wie widerstandsfähige Dynamik und wetteifernde Vielfalt benützt, ist bereits Bundesrat.

Obschon wir unsere Arbeit geben und der Arbeitgeber sie nimmt, sind wir froh darüber, dass unser Arbeitgeber uns die Arbeit gibt. Sogar und gerade dann, wenn unsere Löhne immer kleiner werden. Was machen wir nicht alles für das benötigte Geld! Es kommt rein, es geht raus; unsere Einnahmen bestimmen unsere Ausgaben. Unser gesamtes Dasein dreht sich um einen Schein. Für viele auch nur um eine Münze. Wir lassen uns von einem Markt diktieren, den wir selbst erschaffen haben, kaum verstehen oder in Frage stellen, und dessen Spielregeln wir – und nur wir – jederzeit ändern könnten.

Wir treffen Entscheidungen über alle möglichen Aspekte des Lebens, selbst die persönlichsten, aufgrund des Geldes. Es beeinflusst unser Zusammensein, unser Familienleben, unsere Weltanschauung, unsere Ängste. Und doch – wetten wir! – wissen die wenigsten von uns, was auf Schweizer Banknoten und Münzen steht. Selbst jene, die es wissen, haben sich wohl kaum gefragt, warum nicht das Gleiche darauf gedruckt ist und was das zu bedeuten hat.

Wir haben Angst, dass Maschinen unsere Arbeit wegnehmen – jedoch nur, weil unsere Existenz vom Einkommen abhängig gemacht wird. Wir sind so beschäftigt im Hamsterrad, dass wir keine Zeit finden, gründlich nachzudenken. Wir haben nur ein Leben zur Verfügung, und doch akzeptieren wir jede noch so unnütze Arbeit. Unser Leben lässt sich nicht wiederholen, und doch lassen wir uns jeden Morgen vom Wecker wecken und befinden uns kurze Zeit später im Krieg auf den Autobahnen.

Unser Leben ist ein Wunder und die Welt ist da, doch wir gehen 5 Tage die Woche in irgendeine Firma. Womit beschäftigen wir uns! Ist es denn keine Errungenschaft, dass wir Maschinen erfunden haben, die uns monotone und mühsame Aufgaben abnehmen können? So dass wir endlich Zeit haben für einander und was wir sind: menschliche Wesen mit endloser Phantasie und schöpferischer Kraft. Ein unbeschreibliches Meisterwerk der Natur.

Unser freies Land. Die Schweiz. Ob Lehrlinge, Topmanager, Arbeitslose, IV-Bezüger oder Selbstständige – wir sind Lohnabhängige. Die meisten Menschen, die hier leben, sind frei. Frei, ihr Geld zu suchen, wo sie wollen. Frei, jemanden zu finden, der das Geld ausgibt. Aber wir alle brauchen Geld. Was genau macht uns davon dermassen abhängig? Ganz einfach: die Steuern. Diese lassen sich nur mit Schweizer Franken bezahlen. Eigentlich haben wir mit Schweizer Franken nur zwei Möglichkeiten: mit ihnen Steuern zu bezahlen (womit das Geld zurück an den Staat, den Herausgeber, geht) oder keine Steuern zu bezahlen (womit das Geld im privaten Sektor resp. bei uns bleibt).

Selbst wenn man Steuern verweigern will, ist dies nur bedingt möglich. Denn jedes Mal, wenn wir auswärts einen Kaffee trinken, einkaufen gehen oder unseren Abfall entsorgen, bezahlen wir sie. Be-zahlen ist dasselbe wie benennen. Nur wird anstatt eines Namens eine Zahl gegeben. Jedes Objekt, jede Handlung, jede Ausgabe des Bundes bekommt eine Nummer und wird von ihm bestimmt; be-zahlt.

Aus einem Referat von Bundespräsident Ueli Maurer anlässlich des World Economic Forum vom 23. Januar 2013 in Davos: “Zum Föderalismus kommt die direkte Demokratie: Das Volk bestimmt die Höhe der Steuern. Das hilft, die Steuerbelastung auf einem vergleichsweise erträglichen Niveau zu halten. Und weil man der Politik hinsichtlich Sparsamkeit nie wirklich trauen darf, ist in unserer Verfassung eine Schuldenbremse verankert. Diese verpflichtet uns, die Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht zu halten.

Was uns morgen fehlen wird, ist weder das Geld noch das Be-zahlen. Wohl aber alles, das wir heute nicht produzieren. Dienstleistungen und Güter, die unserem gemeinschaftlichen Wohl, unserer Gesellschaft nützen und unser Leben bereichern. Alles, was wir heute nicht bauen, wird morgen nicht da sein. Unsere wahren Ressourcen sind alles, was unser Land hergibt; plus alles Brauchbare, das wir importieren können. Und vorallem die Menschen die hier leben, ihre Kreativität, ihre besonderen Fähigkeiten. Wie ist es deshalb zu erklären, dass die Schuldenbremse in einer Volksabstimmung vom 2. Dezember 2001 mit 85 Prozent Ja-Stimmen angenommen und in Artikel 126 der Bundesverfassung festgeschrieben wurde?

14 Jahre später, keine ersichtlichen Erfolge, viele Menschen, vorallem die schwächsten und ärmsten, bekommen seither die Folgen der Sparmassnahmen schmerzhaft zu spüren… Trotzdem wird weiterhin stur daran festgehalten, wie auch in dieser Mitteilung der Eidgenössischen Finanzverwaltung, 28. August 2015: “[…]  mit einer weiteren Senkung der Schuldenquote des Bundes kann für die kommenden Generationen eine möglichst gute Ausgangslage zur Bewältigung zukünftiger Lasten geschaffen werden.

Lieber Bundesrat: Wie lässt sich eine Zukunft mit Sparschweinchen bauen? Warum schürst du bei der Bevölkerung unnötige Zukunftsängste? Machst du das aus Unwissenheit oder aus Berechnung? Liebe Mitmenschen, dies wird euch möglicherweise schockieren, aber es ist höchste Zeit, Folgendes endlich wahrzunehmen: Wir sind die Benützer des Schweizer Frankens, der Staat jedoch ist der alleinige Herausgeber des Schweizer Frankens. Er hat das Monopol. Niemand ausser er darf Noten und Münzen in Schweizer Franken kreieren – auch nicht die Banken. Wenn wir das versuchen, kommen wir ins Gefängnis. Wir benötigen Geld, um Steuern zu bezahlen, und das Geld kommt erst in unsere Hände, wenn ein Staat es ausgibt. In der Schweiz werden Steuern in Schweizer Franken erhoben, damit alle gezwungen sind, nur mit diesen bezahlen zu können. Unser Haushalt lässt sich deshalb nicht mit dem Staatshaushalt vergleichen. Wenn wir am Ende des Monats im Minus sind, sind wir “schuldig”. Ob jedoch unser Staat mehr oder weniger Steuern einnimmt, ändert nichts an seiner Zahlungsfähigkeit. Steuern werden vom Bund erhoben, um das Staatsdefizit abzubauen, nicht etwa für nötige Ausgaben. Das heisst, zuerst gibt der Staat die Schweizer Franken aus, erst danach treibt er sie durch Steuern wieder ein. Staatsschulden sind einfach all die Schweizer Franken, die wir noch in der Tasche haben, die noch im Umlauf sind und noch nicht besteuert wurden.

Ein souveräner Staat (wie die Schweiz) mit eigener Währung kann sich immer leisten, was in seinem Land in Schweizer Franken erhältlich ist. Es gibt keinen Grund, dass Geld für Bildung, Gesundheit, Altersvorsorge, Freizeit, für das Wohlsein der Bevölkerung und das öffentliche Gut fehlt. Sparmassnahmen sind eine Fiktion mit grausam realen Auswirkungen und können nur mit politischem Willen über Nacht aufgehoben werden. Aber wie soll das geschehen, wenn ausgerechnet diejenigen, die über Staatschulden berichten – die Journalisten – und diejenigen, die darüber debattieren – die Politiker – sich weder mit der Natur des Geldes, geschweige denn mit der des Menschen auseinandersetzen? Und vergessen wir nicht, was Ueli sagt: dass “das Volk die Höhe der Steuern selbst bestimmen kann“.

Wollen wir einen Bundesrat, der uns zwingt, die Ausgaben und Einnahmen des Staates auszugleichen? Wieviel macht 7 – 7? Null für alle… Und das wäre dann der ersehnte Ausgleich. Jetzt haben wir keine Staatsschulden und vielleicht den grössten Teil der Leserschaft verloren, aber wollen wir wirklich glauben, dass es künftigen Generationen besser gehen wird, weil wir heute angeblich kein Geld für Investitionen haben, die jetzt dringend gebraucht werden? Wie gesagt, es geht hier um Zahlen, und sie haben mit dem Leben nichts zu tun.

Ist es nicht paradox, dass immer mehr Menschen aus Spargründen aus dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden? Sei es aufgrund ihres Alters oder einer “Beeinträchtigung”, dieselben Menschen versucht man dann mit Biegen und Brechen, via Arbeitstraining und Beschäftigungs-massnahmen, in genau diesen Arbeitsmarkt, der stur nach Profiten strebt, “wieder einzugliedern”. Immer mehr Menschen wird das Leben schwer gemacht. Nur weil Staatsausgaben fehlen. Im Kriegszustand fehlen sie übrigens nie, und jeder von uns hätte eine Vollbeschäftigung. Ist das nicht höchst merkwürdig? Warum soll das nicht in Friedenszeiten möglich sein?

Ist es nicht paradox, dass uns erzählt wird, es gebe nicht genug Arbeit, und gleichzeitig Spitäler, Spitex, Schulen und viele andere über zuwenig Personal klagen? Ist es nicht paradox, dass selbst auf entlegenen Alpen soviel Administratives erledigt werden muss, dass man kaum genug Zeit findet, sich um seinen Hof zu kümmern? Ist es nicht paradox, dass wir heute überhaupt noch so viele Stunden arbeiten müssen? Gerade die Arbeiten, die unserer Gesellschaft am meisten nützen – Pflege, Putzen, Bau, Soziales… – werden am niedrigsten be-zahlt. Ohne Freiwilligen– und Schwarzarbeit wäre unsere Gesellschaft vielleicht schon zusammengebrochen. In der Schweiz, 2016… ein gerechtes Einkommen, eine sinnvolle und zufriedenstellende Arbeit für alle, die wollen, müsste heute für unseren Bund selbstverständlich sein.

Das Letzte, was unsere Regierung anscheinend will, sind glückliche Bürger. Menschen mit Zeit für die Familie, für Begegnungen, für Ideen, Eigeninitiative und neue Visionen. Die Regierung jedoch, das sind wir. Jeder Mensch, der in diesem Land lebt. Wenn wir auf einen Punk in irgendeiner Berner Gasse herunterschauen, der dort sitzt mit seiner Gitarre, seinem Hund, seiner Bierdose und seinem Bettelhut, so wollen wir ihm danken, dass er nicht stattdessen 8 Stunden am Tag in einer Munitions- und Waffenteilefabrik oder bei einem Callcenter arbeitet. Und nehmen wir uns doch mal die Zeit und Mühe, zu verstehen versuchen, warum er dort sitzt.

 

 

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